Freiwilligenarbeit

Das neue Verständnis der Freiwilligenarbeit

Veränderte Motive in einer veränderten Gesellschaft

Freiwillige suchen eine neue Herausforderung. Sie verfügen über freie Zeit und sind gewillt diese für eine Idee einzusetzen. Sie möchten dabei ihre Neugierde, Initiative und Flexibilität, ihre beruflichen und sozialen Kompetenzen zum tragen bringen.

Freiwilligenarbeit ist in der Veränderung begriffen. Traditionellerweise wurde sie früher eher im formellen Rahmen für einen Verein, die Kirche oder eine wohltätige Organisation geleistet. Im Laufe der Zeit haben sich jedoch Einsatzbereiche und vor allem auch die Motivation verändert. Lange dauernde, aufopfernde Tätigkeiten stehen nicht mehr im Vordergrund. Viel mehr sind Freiwillige heute an punktuellen, befristeten Aktivitäten interessiert, sind kritisch, wollen bezüglich der Ausgestaltung ihres Einsatzes mitreden und wollen dass es ihnen „etwas bringt“.

Drei wesentlichen Hauptmotive sind dabei festzustellen:

  • Kontakt: Freiwilligenarbeit eröffnet die Möglichkeit, mit Menschen und ihrer Lebenswelt ausserhalb des eigenen Aktionskreises in Berührung zu kommen. Wer als Freiwillige/r wirkt, ist infolge seiner/ihrer Tätigkeit legitimiert und eingeladen, in andere Menschen hineinzusehen – ein Akt der Begegnung und des Vertrauens, der als Bereicherung und persönlicher Aufwertung erlebt werden kann.
  • Sinn: Freiwillige Hilfe für Menschen die sie nötig haben, erzeugt in der Regel Dankbarkeit und kann Anlass für nahe Beziehungen sein. So erkennen Freiwillige den Wert ihrer Arbeit ganz direkt und erleben ihren persönlichen Beitrag zum Zusammenhalt der Gesellschaft als sinnstiftend für sich selber. Wer für eine Organisation tätig ist, kann sich mit ihr identifizieren. Auch hier kommt das Bewusstsein vom Beitrag an die Allgemeinheit zum Tragen.
  • Bildung: Die Freiwilligen mit dem für sie notwendigen Rüstzeug auszustatten ist heute für die Organisationen selbstverständlich. Das bietet Zugang zu Fertigkeiten wie z. B. Gesprächsführung oder Fachwissen. Hier liegt auch einer der Gründe, warum Familienfrauen rund um die zu erwartende Selbständigkeit ihrer Kinder Freiwilligenarbeit als Schritt in den beruflichen Wiedereinstieg wählen. Nicht alle Freiwilligen haben jedoch ein Bildungsbedürfnis. Wenig ausgeprägt ist es bei Personen, die schon in ihrem Berufsfeld ähnlich gelagerte Arbeiten verrichten.

Arbeitszeit/Freizeit/Sozialzeit

Bislang war es üblich, dass wir unsere Zeit in Arbeits- und Freizeit aufteilten. Bei genauem Hinsehen erweist sich dies Aufteilung jedoch als ungenau, denn eben die unbezahlte Arbeit innerhalb oder ausserhalb der Familie wird dabei nicht berücksichtigt. Doch wo soll diese zugeteilt werden? Wenn Freizeit die Zeit ist, in der man tun kann was man will, ist die Freiwilligenarbeit wohl kaum dort einzureihen. Auf der andern Seite fällt sie auch aus der Arbeitszeit, weil ja kein Arbeitsvertrag und kein Lohn Grundlage bieten.

Es braucht demnach eine neue Zeitstruktur, in der neben der Arbeits- und Freizeit als drittes Element die Sozialzeit hinzugefügt wird. „Sozialzeit“ bezeichnet die Idee, einen Zeitraum im Alltag zu benennen, der dazu dient, soziale Verantwortung im politischen oder sozialen Rahmen wahrzunehmen.

 Freiwilligenarbeit und Gleichstellung

Freiwilligentätigkeit verfestigt auch heute noch bestehende Unterschiede im sozialen Status der Geschlechter denn dort verhält es sich wie bei der Erwerbsarbeit: Frauen und Männer sind in anderen Bereichen und in unterschiedlichen Positionen tätig. Im Sozialbereich sind drei Viertel der freiwillig Tätigen Frauen. Männer sind hauptsächlich in Interessenverbänden, politischen Parteien und im Sport aktiv. Frauen finden wir eher in ausführenden Positionen, Männer häufiger in Ehrenämtern.

Der Nutzen freiwilliger Tätigkeiten

Der Nutzen freiwilliger Arbeit liegt primär im privaten Bereich. Sie kann zu einem besseren Verständnis von sozialen und politischen Zusammenhängen beitragen und der ausführenden Person das Gefühl vermitteln eine sinnvolle Aufgabe zu erfüllen. Sie kann das Selbstbewusstsein stärken und alltägliche Handlungskompetenzen erweitern. Sie kann der persönlichen  Bildung dienen und Schritte zu beruflichen Tätigkeiten einleiten.

Freiwilligenarbeit ist ein leicht zugängliches Erfahrungsgebiet mit grosser inhaltlicher und zeitlicher Gestaltungsfreiheit. Die Kontrolle der Arbeitsqualität ist gering. So kann sie für die betreffende Person von hoher persönlicher Qualität sein.

Trotzdem ist es bislang nur beschränkt gelungen diesen persönlichen Nutzen auch gesellschaftlich umzumünzen. Erste Schritte sind mit der Anwendung von Standards, der Anerkennung durch einen Ausweis (Sozialzeit-Ausweis, u.a.) und der Bildung von Koordinationsstellen getan. Doch gesamtgesellschaftlich steckt der praktische Nutzen dieser Sozialzeit-Einsätze  noch in den Kinderschuhen.