Herzlich Willkommen

Sicherstellung der Freiwilligenarbeit:
Ein zentrales Anliegen unserer Gesellschaft

In der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts wurden in einer unübersehbaren Art und Weise Institutionen, Organisationen und Strukturen geschaffen, die in vielen gesellschaftlichen Bereichen, so auch im sozialen Bereich, eine professionelle Hilfe ermöglicht haben. Was in früheren Zeiten von den Kirchen, karitativen Werken und Stiftungen sichergestellt wurde, übernahmen zunehmend öffentliche oder von den öffentlichen Körperschaften unterstützte Dienste. Diese Entwicklung hat viele Ursachen. Zum einen konnten die kirchlichen Organisationen und Leistungserbringer aus ihrem Umfeld immer weniger Kräfte und Mittel freimachen. Zum anderen hat unsere Gesellschaft einen grossen Wandel durchgemacht und die zu lösenden Probleme sind von einer grossen Komplexität. Die Ansprüche der Bürgerinnen und Bürger an die Gemeinschaft und die Möglichkeit der öffentlichen Hand sind immer mehr durch materielle Grenzen bestimmt.

Ohne die Freiwilligenarbeit von Frauen, Männern und jungen Menschen könnten viele wichtige und notwendige Anliegen in unseren dörflichen, regionalen und nationalen Gemeinschaften nicht mehr erfüllt werden. Das Bundesamt für Statistik schätzt, dass pro Monat 44 Millionen Stunden Freiwilligenarbeit in unserem Lande geleistet werden. Das sind etwa 248‘000 Vollzeitstellen. Müsste man diese Stunden finanziell abgelten, so würden sich die Kosten auf 15–20 Milliarden Franken pro Jahr belaufen. In diesen Zahlen kommt die volkswirtschaftliche Bedeutung der Freiwilligenarbeit gut zum Ausdruck. Anders ausgedrückt: Ohne Freiwilligenarbeit würde im Räderwerk unserer Gesellschaft vieles stillstehen.

Die finanziellen Aspekte sind bedeutsam. Umgekehrt gilt es darauf hinzuweisen, dass Freiwilligenarbeit als menschliches Modell für uns sehr wichtig ist. Die Gedanken der Solidarität, der Hilfe und der Verantwortung gegenüber dem Mitmenschen oder einer Gruppe von Mitmenschen gehören zu den grundlegenden Werten, welche eine humane Gemeinschaft ausmachen. In Abwandlung einer bekannten Metapher kann gesagt werden, dass die Güte einer Gesellschaft auch an der Qualität und am Umfang der Freiwilligenarbeit gemessen werden kann.

Freiwilligenarbeit geschieht oft – vielleicht zu oft – abseits vom Rampenlicht des Tagesgeschehens. Auch in diesem Bereich leisten gerade die Frauen einen grossen Beitrag. Alt Bundesrätin Ruth Dreifuss hat dieses Thema vor 4 Jahren aufgegriffen und in einer beachtlichen Stellungnahme behandelt. Es war ihr wichtig, dass die Freiwilligenarbeit auf eine Breite Basis gestellt wird und möglichst gerecht auf den Schultern der Frauen, der Männer und der jungen Menschen ruht.

Es ist auch wichtig, dass die Freiwilligenarbeit nicht im Abseits des Tagesgeschehen und der politischen Verantwortlichen erbracht wird. Menschen, die bereit sind, sich in der breiten Palette der freiwilligen Arbeit einzusetzen, müssen für ihre Arbeit auch anerkannt werden. Es geht nicht, dass wir diesen wertvollen Bereich von Mitmenschen als etwas Gegebenes betrachten. Gerade die verschiedenen Institutionen, die dank der Freiwilligenarbeit ihre Aufgabe angemessen erledigen können, müssen dazu beitragen, dass die Rahmenbedingungen, die Anerkennung sichergestellt wird und einst auch unsere Kinder auf dieses wichtige Werk der Freiwilligenarbeit zählen können.

Thomas BURGENER
Staatsratspräsident